Der perfekte Marathon:
2006 musste sie her, die Marathonbestzeit. Sie kam – und wie!
2005 / 2006 war ein strenger Winter, bis -15 Grad fiel das Thermometer. Robert Storch lief trotzdem, denn die Kälte hat was: Die Sterne funkeln, um mich herum ist alles erstarrt, ich bin das Einzige, was sich bewegt. In dieser Zeit entstand auch die Rohfassung meiner Kurzgeschichte: Caesars Marathon – meistens bei einer Tasse Glühwein nach einer Trainingseinheit.
Drei Tage vor dem Rom-Marathon, der am 26. März stattfinden sollte, flog ich in den Frühling, doch bei einer kleinen Aufwärmrunde am Donnerstag durch den Circus Maximus brach ein kräftiges Gewitter nieder. Ein schlechtes Omen, könnte man meinen – doch weit gefehlt: Es wurde ein perfekter Marathon, die Sonne schien, aber es war nicht heiß.
Nach den ersten Kilometern ist klar, dass ich die 2:45 Stunden angreifen muss. Wie ein Uhrwerk laufe ich die Kilometer ab, immer zwischen 3:51 und 3:54, je nachdem, ob es ein bisschen bergauf oder bergab geht. Auf der Strecke wartet nach 9 Km das erste Highlight: Auf der Via della Conciliazione laufe ich auf den Petersdom zu, erst kurz vor dem Petersplatz biege ich rechts ab, an der langen Warteschlange vor den Vatikanischen Museen vorbei. Es folgt der hässliche Teil der Strecke: Breite Straßen, auf der anderen Seite stehen die Autos im Stau. Erst bei Km 26, kurz nach einer Unterführung, wartet mit dem Augustusmausoleom das nächste Highlight. Danach geht's Schlag auf Schlag: Piazza Navona bei Km 27 (hier ruft mir ein Zuschauer "Nürnberg go!" hinterher), Piazza del Popolo bei Km 30, kurz danach Spanische Treppe und Trevi-Brunnen, Piazza Venezia, Marcellus-Theater, Circus Maximus. So schön all diese Bauwerke sind, eine Kehrseite hat dieser Teil der Strecke: das Kopfsteinpflaster. Jenseits der 30 Km verfalle ich normalerweise in einen gewissen Trott, einen Rhytmus, den man dann einfach bis zum Ziel durchhalten muss. Das Kopfsteinpflaster macht es jedoch unmöglich, kein Rhythmus, kein Trott, stattdessen muss ich die Beine zu jedem Schritt überreden. Aber letztendlich kann mich auch dieses verdammte Pflaster nicht aufhalten. Bei Km 41,5 drehe ich die Ehrenrunde ums Kolosseum. Es geht zunächst bergauf, ich will den Berg nochmal richtig schön hochziehen, aber nach ein paar Metern meldet sich irgendein Muskel, und ich muss leider etwas Tempo rausnehmen. Kurz danach geht's dann Gott sei Dank bergab (an dieser Stelle wurde ich von meinen mitgereisten Fans gefilmt), den Schwung nehme ich dann noch richtig schön mit ins Ziel. 2:43:57 Stunden. Wahnsinn! Zwölf Minuten verbessert gegenüber dem Dresden-Marathon fünf Monate zuvor.
Hier beginnt der unschöne Teil: Es ist wirklich unglaublich, eigentlich unfassbar. In diesem erhabenen Moment, dem absoluten Gipfel meiner Sportkarriere, nach 20 Wochen Training, über 2000 Trainingskilometern bei meist klirrender Kälte, nach 42,195 Km in 15,44 km/h, was ist das erste, was ich sehe? Ein Trikot des FC Bayern München! Wirklich! Mitten in Rom! Ich könnte heute noch kotzen! Es hing von den Schultern eines Helfers herunter, der dort im Ziel stand. War das nur Zufall? Oder war eine höhere Macht am Werk, die mir selbst diesen Moment des Triumphes missgönnte?
Zum Glück wurde ich von einer charmanten Römerin abgelenkt, die mir die Medaille umhängte.
Am Mittwoch, drei Tage nach dem Marathon, besuchte ich die Papst-Audienz auf dem Petersplaz. Wegen meiner formidablen Zeit forderte ich natürlich meine sofortige Heiligsprechung: Sancto Subito! Wann fühlt man sich Gott näher als bei Km 42 in der Ewigen Stadt? Na ja, was soll ich sagen, Benedikt hat nur milde gelächelt und dann weitergepredigt. Die Welt ist ungerecht! Johanna von Orleans wird heilig gesprochen, weil sie gegen die Engländer gesiegt hat, bekanntermaßen ein Volk, das noch nicht einmal das Elfmeterschießen beherrscht. Wahrscheinlich liegt das daran, dass sie eine Frau war, als Mann hat man in dieser sexistischen katholischen Kirche keine Chance. „Also gut“, sagte ich, „dann will ich wenigstens eine Privataudienz beim Benedikt.“ – Doch auch die Privataudienz wurde mir verweigert mit dem Hinweis, dafür müsse man schon eine Marathon-Zeit von unter 2:40 Stunden vorweisen. Damit war das Ziel für den nächsten Marathon von Robert Storch vorgegeben.
Rom-Marathon 2006 - Bildergalerie
Rom-Marathon - offizielle Seite:
Ein schneller Marathon durch eine einzigartige Stadt. Nur das Kopfsteinpflaster am Corso stört. Start und Ziel befinden sich auf der Via dei Fori Imperiali, der Straße zwischen Kolosseum und Kapitol. Bei Km 42 umrunden die Läufer das Kolosseum - das ultimative Gladiatoren-Feeling!
Ausführlicher Storch-Test des Rom-Marathons
Sommermärchen 2006:
Der Sommer 2006 begann wenig vielversprechend. Nachdem Robert Storch den ganzen bitterkalten Winter hindurch 100 bis 130 Km in der Woche gelaufen war ohne eine einzige Trainingseinheit aussetzen zu müssen, zog ich mir nach dem Rom-Marathon zuerst eine kleine Zerrung zu, danach legte mich Fieber für eine weitere Woche flach. Der Schuldige war schnell ausgemacht: Es musste der Typ im Bayerntrikot gewesen sein, er hatte mich nach meinem Zieleinlauf mit einem Fluch belegt. Doch der Bann brach, gerade als ich nach Rom fahren wollte, um an der Stätte des Unglücks ein Bayerntrikot zu verbrennen und so den Fluch loszuwerden.
Ende Mai stieg Robert Storch wieder ins Training ein, Anfang Juni reiste ich nach Oberstdorf. Am zweiten Tag schnaufte ich Richtung Nebelhorn, jedoch stoppte mich auf 1.900 Höhenmetern der Schnee. Einen Monat später, am Endspieltag der Fußball-WM (9. Juli) kehrte ich nach Oberstdorf zurück. Der Schnee war weg und so konnte ich den Nebelhornlauf durchlaufen: Der Lauf startet auf 800 Höhenmetern auf dem Marktplatz in Oberstdorf und endet auf dem Gipfel des Nebelhorns (2.200 Meter), das macht 1.400 Höhenmeter auf 10,5 Kilometer, also alles in allem eine saftige Steigung. Immerhin schaffte ich es bis nach oben ohne zu gehen, Zeit: 1:20 Stunden. Runter ging’s – zum Glück – mit der Seilbahn.
Nebelhorn-Berglauf 2006 - Bildergalerie
Nebelhorn-Berglauf-Prospekt:
1400 Höhenmeter auf 10,5 Km - das sagt schon alles. Natürlich geht es nicht immer gleichmäßig bergauf. Der erste Km ist noch relativ flach, ein weiteres Flachstück rettet die Läufer nach der Seealpe bei Km 6. Doch danach kommt es knüppeldick: Für den steilsten Km hinauf zum Höfatsblick benötigte ich 10 Minuten, mit Puls 180. Hat man die Bergstation Höfatsblick erreicht, dann ist das Gröbste überstanden. Die restlichen 200 Höhenmeter zum Gipfel sind relativ human.
Ausführlicher Storch-Test des Nebelhorn-Berglaufs
Nach dieser harten Prüfung am Nebelhorn rechnete ich damit, die Beine erst einmal zwei Wochen hochlegen zu müssen. Doch weit gefehlt: Schon nach einer kleinen Radtour am Tag danach spürte ich den Lauf nicht mehr in den Beinen, bergauflaufen schont ein paar Gelenke und Muskeln. Also nichts wie hin zum Halbmarathon um den Altmühlsee, der eine Woche nach dem Nebelhornlauf stattfand und bei dem ich im Jahr zuvor versagt hatte. Dieses Jahr sollte es anders werden: „Ich fliege!“, dachte ich während meiner Runde um den Altmühlsee. Kein Wunder, diese brettebene Strecke war das genaue Gegenteil zum Nebelhorn. Am Anfang laufen drei Läufer vorne weg, ich halte mich in der Meute, doch einer nach dem anderen lässt abreißen, bis ich bei Km 4 allein bin. Platz vier. Es folgen viele einsame Kilometer, doch bei Km 12 tauchen plötzlich zwei Läufer vor mir auf, ich komme immer näher, bei Km 15 überhole ich sie. Wie ich später erfuhr, war einer davon ein Marokkaner, der angeblich schon ein Mal quer durch die Sahara gelaufen war und eine Halbmarathon-Bestzeit von 1:04 Stunden stehen hat. Da es an diesem Tag glutheiß war, hätten es eigentlich optimale Bedingungen für ihn sein müssen. Aber ich war schneller. Seitdem halte ich mich für einen guten Hitzeläufer.
Robert Storch brachte den zweiten Platz sicher nach Hause, neue Bestzeit: 1:18:09 Stunden.
Altmühlsee-Halbmarathon 2006 - Bildergalerie
Altmühlseelauf - offizielle Seite:
Ein hervorragend organisierter Lauf, flach, zum Großteil auf gesplittetem Untergrund. Meistens ist es glutheiß, deshalb wird erst um 18 Uhr gestartet. Rund um den Altmühlsee kann es windig werden.
Ausführlicher Storch-Test des Altmühlseelaufs
Nach diesem Positiv-Erlebnis stürzte sich Robert Storch in die Vorbereitungen für den Brombachsee-Marathon am 17. September. Das Ziel war klar: Nach 2:43 Stunden in Rom mussten jetzt die 2:40 Stunden fallen. Das Training war knüppelhart: Ruhetage? Was ist das?
Trotzdem lag ich zunächst nur auf dem zweiten Platz; die einzigen, die ich überholte, waren Halbmarathonläufer, die auf dem Damm zwischen Kleinem und Großem Brombachsee meinen Weg kreuzten. Dann, auf der zweiten Runde um den Kleinen Brombachsee, musste ich mich durch die Marathonläufer hindurchschlängeln, die sich noch auf der ersten Runde befanden. Doch als es dann schließlich zum dritten Mal über den Damm ging, war es endlich soweit: Ich überholte den immer langsamer werdenden Spitzenreiter und heftete mich hinter das Führungsfahrrad. Im immergleichen Trott rannte ich dem Ziel entgegen, auch den giftigen Anstieg bei Km 39 überstand ich, nach 2:45 Stunden kam Robert Storch auf dem Marktplatz in Pleinfeld an. Nur 2:45 Stunden! Ich war nicht zufrieden. Beim Siegerinterview war ich so schlecht gelaunt, dass mich der Moderator gar nicht ausreden ließ, zu den Interviews mit den Fernsehsendern war ich aber wieder einigermaßen in Form und meine launigen Sprüche sorgten sicher für gute Einschaltquoten: "Der Club ist Erster in der Bundesliga, jetzt bin ich Erster – so kann's weitergehen."
Brombachsee-Marathon 2006 - Bildergalerie
Brombachsee-Marathon - offizielle Seite:
Die Bedingungen sind ähnlich wie am Altmühlsee: Flach (bis auf einen giftigen, ca. 50 Meter langen Anstieg bei Km 39), zum Großteil auf gesplittetem Untergrund, sehr gute Getränkeversorgung! Man kann wählen zwischen Marathon und Halbmarathon. Leider gibt es auch eine Walking-"Konkurrenz".
Ausführlicher Storch-Test des Brombachsee-Marathons
2007 – Viele Seuchen und ein Triumph:
Seuchen 2007:
- Ermüdungsbruch
- Entzündung und Degeneration der Patellarsehne
- Muskelfaserriss
- Ziehen der Weisheitszähne
- Rippenbruch mit Pneumothorax incl. einwöchigem Krankenhausaufenthalt
Ich will nicht jammern. Es gibt sicher Menschen, die hat es unendlich härter getroffen als mich. Trotzdem: Es war zum Auswachsen! Kaum war die eine Verletzung ausgeheilt, kaum machte das Laufen wieder Spaß, schon folgte die nächste Verletzung. Am meisten hat mir meine Patellarsehne zu schaffen gemacht, das ist die Sehne, die die Kniescheibe mit dem Schienbein verbindet. Hier kamen mehrere Faktoren zusammen: Ich lief mit ausgelatschten Laufschuhen und belastete meine Beine ungleichmäßig. Und die 3-Stunden-Läufe, die ich im Winter abspulte, waren wohl auch zu viel des Guten. Ein Highlight war auch der Rippenbruch, den ich mir in St. Petersburg ein paar Stunden vor dem Uefa-Cup-Spiel des FCN in einem spiegelglatten Park zwischen Isaak-Kathedrale und Newa zuzog. Am Ende hatte ich im ganzen Jahr keinen einzigen Wettkampf bestritten.
Doch einen Triumph gab es trotzdem: Am 26. Mai gewann der Club den DFB-Pokal. Nach dem dramatischen Spiel war mir mein Knie egal: Zusammen mit Andy, Uli, unserem Begleitfahrzeugfahrer SN und dem DFB-Pokal ging’s im Siegesrausch durch das nächtliche Berlin vom Olympiastadion zur Siegessäule.
Laufsaison 2008: Gut begonnen - stark nachgelassen
Bis Juni steigerte ich mich in atemberaubendem Tempo; ich war zuversichtlich, wieder an meine Leistungen von 2006 anknüpfen zu können, doch dann fällte ich eine Entscheidung, die mir die Krönung des Laufjahres vermasselte.
Aber der Reihe nach: Im Januar stieg ich ins Training ein: Zehn Minuten auf dem Ergometer; die Rippen, die ich mir Ende November gebrochen hatte, spürte ich bei jedem Atemzug. Am 18. Januar war es endlich wieder soweit: Robert Storch trabte drei Kilometer. Von da an ging es steil bergauf und am 14. Februar folgte das erste Highlight 2008: Am Tag des Club-Gastspiels in Lissabon lief ich mit Ironhannes, DJ und Moses zwei Stunden lang kreuz und quer durch die Hauptstadt Portugals, am Ende noch hoch auf die Burg.
Als beim Rückflug auf dem Flughafen viele Clubfans um mich herum husteten und schnieften, ahnte ich nichts Gutes. Es kam, wie es kommen musste: Eine Erkältung setzte mich zwei Wochen lang außer Gefecht. Insgesamt waren die Uefa-Cup Auswärtsspiele eine ungesunde Sache, schließlich hatte ich mir schon in St. Petersburg die Rippen gebrochen.
Trotz dieser erneuten Zwangspause wollte ich die Hoffnung nicht aufgeben, beim Marathon in Fürth zu starten. Eine Woche lang holte ich mir im März ordentlich Grundlagenausdauer beim Skilanglaufen in Ramsau, danach steigerte ich daheim schnell die Laufumfänge: Ruckzuck war ich bei zweieinhalb-Stunden-Läufen - bis mein linkes Schienbein gegen diese hastige Steigerung protestierte. Mitten in einem zwei-Stunden-Lauf brach ich ab, lehnte mich gegen einen Baumstamm und sah ein, dass ich mir den Marathon in Fürth aus dem Kopf schlagen muss. Ich reduzierte meine Läufe, stattdessen radelte ich große Schleifen durch die fränkische Pampa. Ich kenne jetzt fast jeden Bauernhof zwischen Nürnberg und Ansbach.
Die Schienbeinschmerzen ließen nach, und so konnte ich mich am 4. Mai an das Comeback wagen: Der Halbmarathon in Ansbach sollte es sein. Ich schaffte es, mir das Tempo gleichmäßig einzuteilen, am Ende stand eine 1:20:07 Stunden und ein 2. Platz. Nicht schlecht - für den Anfang.
Laufbericht Ansbacher Citylauf (die Texte in der gelben Schrift sind die Berichte, die ich jeweils kurz nach den Läufen schrieb):
Der Lauf hatte von allem etwas: Am Anfang eine Runde durch die Innenstadt, vorbei an der Residenz und vielen Zuschauern, dann ging’s raus in die Landschaft, durch kleine Dörfer und vorbei an mit Löwenzahnblüten übersäten Wiesen. In Schmalenbach haben mich sogar ein paar Schafe supportet ("Määäh!").
Während der Anfangsrunde durch die Innenstadt bin ich an 8. / 9. Position. Nach der Innenstadt überhole ich ein paar Läufer, die zu schnell angegangen sind, dann biegt noch ein Schwung auf die 10 km-Runde ab und schon bin ich Dritter. 500 Meter vor mir verschwindet das Führungsfahrrad hinter dem nächsten sanften Hügel, also ist klar: Gegen den Spitzenreiter ist kein Kraut gewachsen. 20, 30 Meter vor mir jedoch läuft der Zweite. Ich finde mein gleichmäßiges Tempo und laufe es durch, der Abstand zum Zweiten bleibt gleich, bei Km 10 stehen 37:45 Minuten auf meiner Uhr. Hier muss ich mich durch die 10-Km-Läufer drängeln, die vorher eine kleine Abkürzung genommen hatten.
Km 13: Plötzlich höre ich Schritte hinter mir. Schock! Einholen lasse ich mich nicht! Also ziehe ich ein wenig an, der Läufer vor mir lässt ein wenig nach, bei Km 16 überhole ich ihn. Zweiter! Aber der Läufer, der mich bei Km 13 geschockt hat, bleibt mir auf den Fersen, er folgt in 40 Metern Abstand. Ab und zu schaue ich mich um, er holt nicht weiter auf.
Ein Kilometer vor dem Ziel lauert eine böse Überraschung: Eine Unterführung, der Anstieg danach ist kurz, aber giftig und reicht aus, um mich erst einmal blau werden zu lassen. Gott sei Dank erhole ich mich schnell und die Angst, der Dritte könnte mich doch noch einholen, tut ihr übriges. Ich laufe auf einer breiten Straße durch ein Wohngebiet. Ab und zu zweigen Straßen ab. Ich hoffe jedes Mal, dass jetzt die Abzweigung zum Ziel kommt, aber die Streckenposten winken mich immer gerade aus durch. Ich gebe die Hoffnung auf, dass diese Straße jemals enden wird. Doch dann erblicke ich eine Leuchtreklame. Das muss das Brückencenter sein! Brückencenter = Ziel! Tatsächlich: Kurz danach biege ich auf die Zielgerade. Die Zuschauer und ich geben noch einmal alles, aber vergeblich: Kurz vor der Ziellinie springt die Uhr auf 1:20. Doch der Ärger währt nur kurz, ich freue mich trotzdem über meinen ersten Zieleinlauf seit Silvester 2006. Im Ziel haben sich genügend Clubberer eingefunden, die mich beklatschen und auch der Sprecher ist hocherfreut: "Du sprichst mir aus der Seele!", ruft er ins Mikrofon. "Der Club bleibt in der 1. Liga!"
Eine Stunde später fragt er mich auf der Siegerehrung, was es mit diesem "Laufen für den FCN" auf sich hat. Ich erkläre es und nutze die Gelegenheit, mich bei den Helfern und Organisatoren für ihre Arbeit zu bedanken. Außerdem erzähle ich die Geschichte von den Schafen, die mich in Schmalenbach anfeuerten. Das ist ein Lacher.
Fazit: Die Bestzeit ist zwar noch zwei Minuten weg, aber ich bin trotzdem zufrieden mit meinem Comeback und zuversichtlich, dass ich die zwei Minuten in den nächsten Monaten noch reinhole. Der Lauf war außerdem eine willkommene Ablenkung vom Abstiegs-Drama.
Voller Zuversicht reiste ich im Mai nach Oberstdorf. Während sich der Club aus der ersten Liga verabschiedete, tastete ich mich bei meinen Trainingsläufen langsam wieder an die zwei Stunden heran; außerdem standen natürlich ein paar Bergläufe auf dem Programm, aber wegen Schnee ging es noch nicht hoch hinaus.
15. Juni: Halbmarathon durch Fürth. Das Training der letzten Wochen zahlte sich aus: 1:18:55 Stunden - eine deutliche Steigerung gegenüber Ansbach, noch dazu auf einer anspruchsvolleren Strecke.
Laufbericht Fürth-Halbmarathon
Trotz FCN-Trikot gelingt es mir, mich in die erste Startreihe des Fürther Halbmarathons zu schmuggeln. Ich fühle mich gut. Gefährlich! Jetzt ja nicht zu schnell anlaufen! Ich befolge den selbst erteilten Rat und treffe den ersten Kilometer in genau 3:45 Minuten. Zehn, zwanzig Meter vor mir setzt sich eine Gruppe mit Ironhannes an der Spitze ab. Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken ranzulaufen, aber ich konzentriere mich lieber darauf, mein eigenes Tempo zu gehen. Also geht’s mit gleichbleibender Geschwindigkeit durch die Fußgängerzone und über eine Autobahnbrücke, auf der Tartanbahn des LAC Quelle wird eine kurze Ehrenrunde gedreht und dann ist man auch schon im Stadtwald.
Es folgen fünf Kilometer auf angenehm zu laufenden Waldwegen. 6. Platz. Die Spitzengruppe um Ironhannes zieht davon, nur der 5. bleibt in Reichweite. Ein paar kleine Anstiege fordern die Läufer, aber das Gute ist: Es geht auch wieder bergab. 10-Km-Durchgangszeit: 37:30 Minuten.
Nach dem Stadtwald führen Teerstraßen zum Kanal. Immer noch zeigt mir der 5. die Hacken, bei Kilometer 15 gehe ich nach 56 Minuten durch. Eine Hochrechnung ergibt: Heute sind die 1:20 Stunden fällig!
Vom Damm des Kanals geht es in einer steilen Abfahrt hinunter. Der Läufer vor mir bremst auf diesem Schuss ab, ich lasse meinen Beinen freien Lauf und fliege an ihm vorbei. Als es wieder flach wird, muss ich mich jedoch erst wieder von dieser rasanten Abfahrt erholen, wirklich wahr: Man kann sich auch bergab verausgaben. Die Strafe folgt auf dem Fuß: Seitenstechen. Es begleitet mich bis ins Ziel.
Jetzt beginnt das Chaos: Es geht durch die Fürther Straßen, ständig um Kurven herum, über Teer, Kopfsteinpflaster und durch eine Baustelle. Ich halte mich an die blauen Pfeile auf dem Pflaster, trotzdem wäre ich ein paar Mal beinahe falsch abgebogen, aber ein Mal warnt mich der Läufer hinter mir, ein anderes Mal schreit ein Helfer im letzten Moment: "Links!". Ständig bin ich damit beschäftigt, nach dem richtigen Weg zu suchen, auf das Rennen kann ich mich kaum noch konzentrieren. Doch dann ist es tatsächlich so weit: Die Zielgerade! Ich ziehe einen kräftigen Spurt durch, mich überholt niemand mehr. 1:18:55 Stunden. Ich renne als 5. durchs Ziel, jedoch gingen zwei Läufer hinter mir später über die Startlinie und rücken mit ihren Netto-Zeiten an mir vorbei. Also 7. Doch die ersten beiden Läufer tauchen nicht in der Ergebnisliste auf (s. u.), also wieder 5. In meiner Altersklasse reichte es für den 1. Platz, ich bekam dafür einen Fresskorb mit Nudeln, Müsliriegeln, Rotwein und Prosecco. Prost!
Fazit: 100%ig sicher bin ich mir nicht, ob ich überall richtig abgebogen bin, aber meine Zwischenzeiten sprechen dafür, dass ich die richtige Route gefunden habe. Bis Km 15 bin ich gleichmäßig durchgelaufen, nach dem Seitenstechen hatte ich einen leichten Durchhänger, aber dabei ging es nur um ein paar Sekunden, auch die ständige Suche nach dem richtigen Weg hat mich die ein oder andere Sekunde gekostet; im Endspurt habe ich dann meine Stärke ausgespielt. Ich war 70 Sekunden schneller als sechs Wochen früher in Ansbach, wo die Strecke flach und weniger anspruchsvoll war. Eine deutliche Steigerung also, die weiterhin Hoffnung auf ein geiles Laufjahr macht. Den nächsten Halbmarathon werde ich in fünf Wochen um den Altmühlsee laufen. Dort wird zwar kein buntes Familienprogramm für Jung und Alt geboten, eine Hüpfburg gibt es ebenso wenig wie Cheerleader, aber dafür stimmt die Strecke.
Ein Erlebnis der besonders ärgerlichen Art hatte Ironhannes: Er hatte gerade die Konkurrenz niedergekämpft und wollte die letzten Kilometer noch genießen, als der Fahrer des Führungsfahrrads anhielt und sich fragend zu ihm umdrehte. Er hatte sich verfahren. Ohne Worte. Letztendlich hatte er eine Abkürzung genommen und Hannes kam viel zu früh nach 1:09 Stunden an der Fürther Freiheit an. Auf der Siegerehrung wurde er als Sieger geehrt, in der Ergebnisliste taucht sein Name jedoch nicht auf.
Alles sprach für ein erfolgreiches Laufjahr: Innerhalb von drei Monaten war ich an mein Halbmarathon-Niveau von 2006 herangelaufen - trotz der leichten Blessur am Schienbein. Ich hätte einfach nur so weitermachen müssen, dann wären Bestzeiten programmiert gewesen. Es gab also überhaupt keinen Grund, etwas zu ändern. Ich tat es trotzdem: JKrunning hieß das Zauberwort, das dafür sorgen sollte, dass ich von nun an noch effektiver trainiere. Also nichts wie anmelden beim Online-Coach, Fragebogen ausfüllen und nicht einmal eine Woche nach dem Halbmarathon in Fürth machte JK ernst: Am Freitag 8 * 1 Km in 3:40, mit einer Pause von 1:10 Minuten, am Samstag 10 Km in 37:30 Minuten. Das war zu viel für meinen Oberschenkelmuskel: Beim Auslaufen holte ich mir eine Zerrung.
Zwei Wochen lang musste ich mich auf langsame Läufe beschränken, der Nebelhorn-Berglauf war das erste ernsthafte Training nach der Zerrung, bei strömendem Regen geht’s bis auf 2200 Meter Seehöhe.
Laufbericht Nebelhorn-Berglauf
Am Morgen genügte ein Blick aus dem Fenster um festzustellen: Die Tendenz geht Richtung zwanzig Liter. Es gießt, immer mal wieder ist Donnergrollen zu hören und das Nebelhorn macht seinem Namen alle Ehre: Es versteckt sich hinter einem dichten Nebelschleier. Blitz und Donner sollen im Gebirge gefährlich sein. Ob der Lauf überhaupt stattfindet?
Ich warte in der Pension bis eine halbe Stunde vor dem Start. Derweil erzählt der Hausherr von der Nordischen Ski-WM 2005 in Oberstdorf: Er hatte damals die Esten zu Gast, der 50-Km-Läufer Veerpalu schaufelte am Tag vor dem Start noch um 22 Uhr abends eine Riesenportion Spagetti in seinen Athletenkörper.
Im strömenden Regen laufe ich zum Marktplatz. Zum Glück gibt’s dort im nahegelegenen Kurpark eine Art überdachte Galerie, ca. fünfzig Meter lang. Dort trabe ich hin und her bis kurz vor 9:15 Uhr, der sich leider um zehn Minuten verschiebt. Also nochmal zurück zur Galerie, doch um 9:25 Uhr fällt endlich der Startschuss.
Gleich nach dem Start merkt man: Hier sind nur Freaks am Start. Keine langsamen Läufer in den vorderen Startreihen, die den Weg versperren. Aus den Oberstdorfer Fenstern lehnen sich Neugierige heraus, entweder sie klatschen oder sie halten eine Kamera im Anschlag.
Nach den Skisprungschanzen sind die Läufer unter sich: Der Anstieg zur Seealpe ist relativ gleichmäßig, ich finde mein Tempo, es liegt bei sechs bis sieben Minuten pro Kilometer. Nach den ersten Pfützen sind die Schuhe vollgesogen mit Regenwasser.
Nach der Seealpe auf knapp 1.300 Meter über Null führt die Strecke einen Kilometer lang flach dahin, ein letztes Verschnaufen, dann wird’s ernst.
Kurz nach Beginn des knüppelharten Anstiegs (gefühlte Steigung: 50 %) steht das "Noch-4-Km"-Schild, ich habe also 6,5 Kilometer geschafft, Zwischenzeit: 39:30 Minuten. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, an diesen Steilstücken zu gehen, aber dann gewinnt mein Läuferstolz: Es geht zwar nur Zentimeter für Zentimeter aufwärts, aber ich laufe, obwohl es nicht viel Sinn macht: Diejenigen, die im strammen Schritt gehen, sind genau so schnell. Nebel umfängt die Läufer, man hört das eigene Keuchen, das Prasseln des Regens und ab und zu ein "Muh!". Immer wenn ich eine Kurve erreicht habe, erwarte ich, endlich die Mittelstation Höfatsblick vor mir zu sehen, doch es geht immer noch weiter nach oben, noch eine Serpentine, noch ein Anstieg. Doch ich verliere den Glauben nicht und siehe da, nach einer Stunde Laufzeit geschieht das kaum noch für möglich Gehaltene: Die Station Höfatsblick taucht aus dem Nebel auf. Applaus empfängt die Läufer und schickt sie zum Endspurt auf die letzten zweihundert Höhenmeter.
Auf dem letzten Stück gibt es immer wieder kleine Flachstücke, auf denen sich meine Schritte anfühlen, als würde ich auf Eiern laufen. Spätestens jetzt bereue ich, zum Höfatsblick hinauf nicht ein paar Schritte gegangen zu sein. Ich verfluche meinen Läuferstolz.
Da steht es: Das Noch-1-Km-Schild. Meine Uhr zeigt 1:11 Stunden, vor zwei Jahren kam ich nach 1:20 Stunden ins Ziel. Neun Minuten für einen Kilometer? Das muss drin sein! Doch dann beginnt der Naturweg, die Felsen machen den Weg unregelmäßig, sie sind glitschig, dazu kommen Schneefelder. Hier trifft es mich doch: Ich muss gehen. Ich bringe die Beine nicht mehr vom Boden. Trotzdem schaffe ich es, immer wieder ein Stück zu laufen, dann wieder stapfe ich die Treppenstufen hinauf, am Ende steht eine 1:21 Stunden.
Der Regen ließ während des Laufs nicht nach und je näher der Gipfel kam, um so kälter wurde es. Bis zum Zieleinlauf war das Wetter das geringste Problem, zumal ich meinen langen Laufanzug (aka Ganzkörperkondom) übergezogen hatte. Doch kurz nach dem Ziel kriecht die Kälte und die Nässe in meinen Körper. Mein Weg führt nach dem Zielstrich sofort zur Seilbahn. Nur schnell wieder runter! Meine Zähne klappern. Auf der Mittelstation Höfatsblick treffe ich auf eine Frauen-Reisegruppe aus Schwabach. Ihre riesigen Rucksäcke lassen mich vermuten, dass sie mindestens eine zweiwöchige Tour quer durch die Alpen hinter sich haben, tatsächlich aber waren sie nur gestern unterwegs. Ohne sie hätte ich die Abfahrt nach Oberstdorf wohl nicht überlebt: Aus ihren reichhaltigen Vorräten versorgen sie mich mit Apfelschorle, Regencape und Magnesium. Sie fragen mich, wie alt ich bin.
"Dreißig", antworte ich.
Großes Gelächter.
"Der ist heute zehn Jahre älter geworden, weil er da raufgelaufen ist."
Noch größeres Gelächter.
In Oberstdorf sprinte ich zur Pension, unter der warmen Dusche taut mein Körper wieder auf.
Fazit: Eine Einordnung fällt schwer. Die Endzeit war eine Minute schlechter als vor zwei Jahren, außerdem hatte ich 2006 das Gefühl, ich hätte auch schneller laufen können; das war heute nicht der Fall. Allerdings waren die Bedingungen heute schlechter und die Zwangspause wegen der Zerrung hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht: Vor allem die schnellen Läufe fehlten mir, denn sie trainieren genau den Pulsbereich, in dem man sich in diesem Lauf wiederfindet (170 bis Maximum). Aber: Gerade wegen meines Trainingsrückstands im Tempo-Bereich war dieser Lauf eine wichtige Trainingseinheit.
Und das allerwichtigste ist: Mein Oberschenkel hat die Belastung ausgehalten! Ich hoffe, ich kann mich schnell erholen, dann wird am Samstag am Altmühlsee zur Attacke auf die Halbmarathon-Bestzeit geblasen.
Eine Woche nach dem Nebelhorn-Berglauf: Der Einbruch am Altmühlsee... (ohne Worte)
Laufbericht Altmühlsee-Halbmarathon
Über den Lauf will ich nicht viele Worte verlieren. Ca. bis Km 8 war ich auf Kurs 1:17 Stunden, dann starb der Motor ab. Die Durchgangszeit bei Km 10 war 37:15 Minuten, Endzeit 1:23:25 Stunden. Mein Tempo auf den letzten 11 Kilometern rechne ich lieber nicht aus... Bei Km 20 machte ich den Fehler, auf die Uhr zu schauen: 1:18 stand dort, genau die Zeit, bei der ich vor zwei Jahren schon im Ziel war. So einen Einbruch habe ich noch nie erlebt. Anscheinend war der Trainingsrückstand durch die Zerrung größer als ich dachte.
Im Ziel ging das Martyrium weiter: Überall strahlende Gesichter, die Läufer beglückwünschen sich zu ihren guten Zeiten; ich suche nach einer Erdspalte, in der ich verschwinden kann, finde aber keine. Stattdessen macht mein Körper schlapp: Ich friere, beginne zu zittern, dazu Durchfall und Kotzen – das volle Programm. Zum Glück wohnen meine Großeltern und meine Tante in der Nähe. Meine Tante päppelt mich mit Hilfe von Decken, Wärmflaschen und heißem Tee wieder auf.
Wie geht es weiter? Der Start beim Brombachsee-Marathon ist fraglich. In meinem Urlaub / Trainingslager in Ramsau am Dachstein muss ich v. a. wieder den Spaß am Laufen zurückgewinnen.
Es folgen die schönsten Laufwochen des Jahres mit haufenweise unbezahlbaren Momenten: Drei Wochen lang mache ich die Berge rund um Ramsau am Dachstein unsicher; die vielen Berge verdrängen das Altmühlsee-Desaster.
Bericht Trainingslager in Ramsau am Dachstein
Die vierzehn Haarnadelkurven hinauf zur Ursprungsalm waren die Highlights meines Trainingslagers. Wenn nach der vierzehnten Kurve die Alm aus dem Nebel auftaucht: Zweifellos ein unbezahlbarer Moment! Bei meinem ersten Lauf zur Ursprungsalm regnet es, oben bestelle ich erst einmal einen heißen Tee mit Zitrone. Beim zweiten Lauf ist es heiß, an den Gebirgsbächen fülle ich immer wieder meine Wasservorräte auf, trotzdem komme ich halb verdurstet oben an. Diesmal trinke ich einen halben Liter Hollersaft gespritzt und einen halben Liter Schiwasser. Zurück geht es mit dem Bus, beim ersten Mal ist er gefüllt mit Engländern und Holländern. Ich frage mich, womit ich das verdient habe. Bin ich etwa zu langsam gelaufen?
Auf der Ursprungsalm wurde übrigens ein Heidi-Film gedreht. Ein weiterer Star aus dem Heimatfilm-Genre hat diese Alm ebenfalls schon beehrt: Arnold Schwarzenegger. Auf einem Bild von 1992 sieht man ihn, wie er vor der Alm die Wanderstiefel schnürt. Hasta la vista, Baby!
Ein weiteres Highlight war der Lauf auf die Planai, mein erster richtiger Berglauf in diesem Trainingslager. Beim Lauf von Schladming zur Planaistraße verlaufe ich mich, so dass ich erst nach neunzig Minuten den Fuß der Planaistraße erreiche. Sind ja nur noch 600 Höhenmeter. Die Steigung ist nicht steil, aber dafür zieht sie sich ewig lang hin. Die Bäche, die immer wieder die Straße kreuzen, retten mich, denn so kann ich immer wieder meinen Wasservorrat auffüllen. Nach insgesamt 2:36 Stunden laufe ich endlich auf der Bergstation der Planai-Seilbahn ein, so lange war der erste Lauf nicht geplant. Es ist immer wieder ein erhebender Moment, an Seilbahn-Stationen anzukommen: Nach stundenlanger Einsamkeit auf Feldwegen und Schotterpisten finde ich mich wieder inmitten von fetten Eltern und quengelnden Kindern (meistens auch fett). Auf dem Planaihof vertilge ich erst einmal einen großen Salat. Der ist auch bitter nötig, denn ich brauche noch Kräfte für den Schlussanstieg mit dem Rad von Schladming nach Ramsau.
Immerhin: Nach diesem Lauf konnte mich nichts mehr schocken. Und so folgten zahlreiche weitere Läufe, eine ausführliche Schilderung der Ramsauer Bergläufe gibt’s in den Lauftipps.
Ich konnte mein Training optimal durchziehen, dafür geht mein Dank an die Pension Alpenperle, in der ich mich drei Wochen lang wie zu Hause fühlte.
Die nächste Woche wird spannend: Jetzt wird sich herausstellen, ob die intensiven Bergläufe mir auch für die Läufe im Flachen etwas gebracht haben. Wenn dem so ist, kann es noch einen erfreulichen Saisonabschluss am Brombachsee geben.
Trainingslager-Statistik:
Lauf-Kilometer:
278. Das hört sich für drei Wochen nicht nach viel an, aber man muss bedenken, dass darunter etliche Bergkilometer sind, die zählen doppelt.
Rad-Kilometer:
237. Ohne die Bergab-Kilometer, die zählen nicht.
Trainingszeit gesamt (Laufen + Rad + Schwimmen):
40 Stunden.
Nach dem Trainingslager war ich topfit, noch mehr motiviert und zuversichtlich, beim Brombachsee-Marathon die 2:45 Stunden laufen zu können, JK wollte sogar noch mehr: Er versprach einen Trainingsplan für die 2:41 Stunden, ohne dass ich es gefordert hätte. Aber ich hörte es natürlich gern: Nach dieser Einschätzung des erfahrenen Lauftrainers war ich nicht nur 100% motiviert, sondern mindestens 120%. Das war zu viel. 100% reichen in der Vorbereitung, die 20% darüber sollte man sich für den Wettkampf aufsparen, und auch da nur für die letzten zehn Kilometer. Denn bei 120% Motivation schaltet das Hirn auf Durchzug und man zieht selbst die brutalsten Trainingspläne durch: 10 * 2 Km in jeweils 7:20 Minuten, 24 Km im 4:10er-Schnitt, 15 Km im 3:50er-Schnitt... JK hatte mir eigentlich sieben Tempoläufe in neun Tagen befohlen, aber die Quittung folgte schon nach dem dritten Tempolauf: Ich bekam muskuläre Probleme im Bereich zwischen Oberschenkel und Hüfte. So traf es sich gut, dass auch beim Club gerade mal wieder ein Trainer gehen musste. Fast zeitgleich stellte ich wieder von JK- auf Marathonstorchtraining um. Doch die Folgen des JK-Trainings machten eine sinnvolle Vorbereitung auf den Brombachsee-Marathon unmöglich: Die Schmerzen spürte ich selbst beim Gehen, also verbrachte ich die meisten Trainingsstunden auf dem Ergometer. Wenn ich doch einmal lief, konnte ich die ersten zwei-/dreihundert Meter nur humpeln, dann ließen die Schmerzen langsam nach und der Schritt wurde runder. Genau zwei Wochen vor dem Marathon wollte ich es wissen: Ein 30-Km-Testlauf sollte her, aber die Schmerzen wurden zu stark, bei Km 19 war Schluss.
In den nächsten zwei Wochen vergingen die Schmerzen zwar nicht, aber sie wurden einigermaßen erträglich, also lief ich doch noch meinen Marathon: Ich bin froh, ihn gelaufen zu sein, aber es ist natürlich auch bitter, elf Minuten langsamer zu laufen als vor zwei Jahren.
Bericht Brombachsee-Marathon: Endlich wieder Marathon-Feeling!
Die Aussage in der Überschrift war die Hauptsache und zugleich das Positivste an meinem Brombachsee-Marathon 2008. Die Zeit war es leider nicht: 2:56 Stunden - vor zwei Jahren war ich elf Minuten schneller. Doch ich verlor die elf Minuten nicht am Tag des Marathons, sondern in den drei Wochen davor. Wegen meiner Tractuszerrung musste ich fast alle Einheiten auf das Ergometer verlegen. Und die Schmerzen, die ich sogar beim Gehen spürte, waren meiner Motivation nicht förderlich. Wenn mein Arzt mir nicht befohlen hätte, den Marathon zu laufen - ich wäre wahrscheinlich nicht angetreten. Im Grunde wollte ich in den Tagen davor nur noch, dass alles vorbei geht, ich zählte sogar die Stunden bis zur Erlösung. Kein Vergleich zu meinen bisherigen Marathons, als ich auf den großen Tag hinfieberte. Aber als ich am Tag vor dem Lauf in Pleinfeld aus dem Zug stieg, prickelte es doch etwas. Abends las ich noch die Erzählung von Caesars Marathon, ab da war ich endgültig voll konzentriert (oder fokussiert, um an einen gewesenen Clubtrainer zu erinnern). Denn wie sagte schon Pheidippides: Der Wille ist der Weg zum Sieg.
Auf dem Hauptdamm fiel der Startschuss, es hatte vielleicht gerade mal zehn Grad und graue Wolken verdeckten den Himmel. Mein Tractus verhielt sich ruhig, und so kämpfte ich gegen den 4er-Schnitt, auf den ersten zehn Kilometern gewann ich diesen Kampf noch, beim Halbmarathon war ich mit 1:25 Stunden knapp im Rückstand. Ich befand mich zu dieser Zeit auf dem 5. Platz, mit dem 6. im Schlepptau. Zu Beginn der zweiten Runde um den Kleinen Brombachsee fühlte ich mich gut; ich war zuversichtlich, den 5. Platz halten zu können. Doch gegen Ende der Runde, bei Km 30, fingen beide Oberschenkel an zu protestieren. Logisch: Ich konnte in meiner Vorbereitung keinen einzigen 30-Km-Lauf absolvieren und selbst eine 3-Stunden-Ergometereinheit kann einen 30-Km-Lauf nicht ersetzen. Deshalb hatte ich vollstes Verständnis für meine Oberschenkelmuskulatur. Aber ich hatte kein Einsehen mit ihr. Schritt für Schritt zwang ich meine Beine Richtung Ziel.
Die Schmerzen wurden immer stärker, jederzeit rechnete ich mit einem Krampf, ich wurde noch von drei Läufern überholt. Trotzdem: Die letzten Kilometer waren die schönsten. Es war der Tunnel, den ich die letzten zwei Jahre seit meinem letzten Marathon vermisst habe. Ein Marathon ist eben etwas völlig anderes als ein Halber. Und wegen diesem Gefühl werde ich den Marathon in guter Erinnerung behalten.
In guter Erinnerung bleiben werden mir auch die aus meiner Sicht reibungslose Organisation und die vielen engagierten Helfer an den Verpflegungsstellen. Auch an der Strecke war stimmungs- und zuschauermäßig mehr los als vor zwei Jahren. Ey Marathonläufer! Ich weiß, ihr wollt alle in Berlin laufen, oder in Frankfurt, Hamburg, New York, London, Boston, Chicago. Aber kommt doch erst einmal an den Brombachsee! Wer mehr über den Lauf erfahren möchte: Brombachsee-Marathon im Storch-Test
Das größte Hindernis erwartete mich nach dem Lauf: Das Zimmer in meiner Pension lag im ersten Stock. Wären die Treppenstufen drei Zentimeter höher gewesen, ich wäre nicht hinaufgekommen.
Fazit: Der Wille war da, doch der Unterschied zu Spiridon in Caesars Marathon war: Spiridon war top-trainiert, ich war es nicht.
Fast hätte ich es vergessen: In Sachen Altersklasse hatte ich mal wieder Glück: Keiner der sieben vor mir platzierten Läufer war zwischen 30 und 35 Jahren alt, also bekam ich auf der Siegerehrung einen hübschen Gedenkstein.
Wie geht's weiter? Marathonstorch-Lauftermine |