Titan - von Robert Harris
 
 

            

 

 

Titan - von Robert Harris

     
 

Cicero – der Libero der Republik

Während sich „Imperium“, das erste Cicero-Buch von Robert Harris, mit dem Aufstieg Ciceros bis zu seiner Wahl zum Consul beschäftigt, schildert „Titan“ sein Consulat im Jahr 63 v. Chr. sowie die anschließenden fünf Jahre, in denen Cicero immer wieder von seinen Entscheidungen während des Consulats eingeholt wird. Cicero ist kein Außenseiter mehr, sondern Teil der Elite Roms.

Erzähler ist wieder Tiro, Ciceros Sekretär. Über sich selbst schreibt Tiro wenig, lediglich die Liebschaft mit einer Sklavin erwähnt er nebenbei an drei oder vier Stellen in jeweils ein paar Absätzen. In der Hauptsache konzentriert sich Tiro auf die Schilderung der politischen Ränkespiele jener Zeit, bei denen Cicero kräftig mitgemischt hat.

Der Tenor des Romans lautet: Die Republik ist bedroht, Cicero muss sie retten. Dafür hat Cicero weder eine Armee noch Geld zur Verfügung, sondern seine Rede- und Überzeugungskraft. Und so erlebt man Cicero vor allem bei Hinterzimmergesprächen und in Senatssitzungen, wo er einen Abwehrkampf gegen die Männer führt, die er für die Feinde der Republik hält.

Das Leben der einfachen Leute wird nur hie und da angedeutet: Hunger, verkrüppelte Veteranen, bankrotte Bauern, lärmende Banden betrunkener junger Männer, plötzlich ausbrechende Feuersbrünste, Bettler, das Sommerfieber mit hunderten Opfern. Von Cicero und Tiro werden die einfachen Bürger gerne als Pöbel bezeichnet. Vermutlich ist diese abfällige Haltung der Grund, warum Cicero während seines Consulats keine einzige Maßnahme trifft, um die oben geschilderten Missstände zu beheben. Er verhindert nur Gesetze (u. a. Landverteilung an die Armen), aber er schlägt keine eigenen Gesetze vor. Deshalb wäre Cicero ein unbedeutender Consul geworden, hätte nicht Catilina während Ciceros Consulat die Revolte angezettelt, die Sallust in seiner Schrift „De coniuratione Catilinae“ der Nachwelt überliefert hat. Im Kampf gegen Catilina findet Cicero die Bühne, auf der er sich seinen Platz in der Geschichte erkämpfen kann.

Aber nicht nur bei der Verschwörung des Catilina sticht die Verkommenheit der Republik ins Auge, auch in der Tagespolitik: Korruption allerorten, raffgierige Statthalter, ein saufender Consul, lächerliche Anklagen und gekaufte Gerichtsurteile. Kein Wunder also, dass diese Republik viele Feinde hat, gegen die Cicero zu Felde ziehen muss. Allerdings drängte sich mir die Frage auf: Was ist das Rettenswerte an dieser Republik? Diese Frage wird nicht beantwortet und somit erscheint auch Cicero Kampf sinnlos.

Ein weiteres Thema des Buches lautet: Gegner der Republik gibt es viele, aber Caesar ist der Schlimmste. Zwei Gespräche Ciceros mit Caesar am Anfang und am Ende bilden die Klammer des Buches. Zwischendrin rückt der Erzähler Caesar immer wieder in ein schlechtes Licht: Er bringt Caesar mit Catilina in Verbindung. Mehr noch: Er konstruiert eine von Caesar geführte „Verschwörung hinter der Verschwörung“.

Doch bis auf diese kleinen Ausschmückungen hält sich der Autor weitgehend an die historische Überlieferung, so dass der Leser, der sich bereits in dieser Zeit auskennt, keine Überraschungen erlebt. Einen durchgehenden Spannungsbogen habe ich nicht erkannt, vielmehr reiht der Autor die historischen Ereignisse aneinander, die er in Quellen wie der oben bereits erwähnten Schrift von Sallust oder den zahlreichen Briefen Ciceros recherchiert hat. Manchmal nimmt auch der Erzähler selbst die Spannung aus der Geschichte, z. B. wenn das Urteil eines Prozesses bereits bei Prozessbeginn verraten wird. Wie kann man die Spannung so mutwillig zerstören?

Insgesamt bereue ich es jedoch nicht, das Buch gelesen zu haben. Schuld daran sind viele Details, die hie und da eine Vorstellung davon geben, wie im Alten Rom Politik gemacht wurde. Zu diesen Highlights gehören zum Beispiel die Wortwechsel im Senat zwischen Caesar, Cicero und Cato.

Der Roman besticht weiterhin durch eine authentische Darstellung der Schauplätze, vom Stadtbild Roms bis zur Villa des Lucullus.

Nur wenige Fehler stören: So sagen in einem der zahlreichen Prozesse Sklaven vor Gericht aus. Allerdings waren vor einem römischen Gericht die Aussagen von Sklaven nur unter Folter gültig. Ein weiteres Mal bewacht eine Centurie Legionäre eine Gerichtsverhandlung mitten in Rom, obwohl sich dort keine Soldaten aufhalten durften. Im Glossar wird behauptet, Pompeius sei im gleichen Jahr geboren wie Caesar. Das stimmt nicht: Caesar war sechs Jahre jünger als Pompeius.

Fazit: Eine unterhaltsame, aber keine spannende Lektüre, dafür ist die Hauptfigur Cicero nicht mitreißend genug: Er scheut Veränderungen und Reformen, sein Hauptziel ist, alles in seiner derzeitigen Form zu bewahren. Cicero war der Libero der Republik – ein Spielmacher oder Mittelstürmer wäre interessanter gewesen.

Links geht's zum hier vorgestellten Roman "Titan", rechts zum Bericht von Sallust über die Catilinarische Verschwörung:

 

 

 

Ein Klick auf die Bilder führt zu den Wiki-Artikeln der historischen Figuren im Roman "Titan":

 

Portrait von Marcus Tullius Cicero (106 - 63 v. Chr.)

Marcus Tullius Cicero

 

Portrait von Gaius Iulius Caesar (100 - 44 v. Chr.)

Gaius Iulius Caesar

 

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