Ovids Schatten - von David Wishart
 
 

            

 

 

Ovids Schatten - von David Wishart

     
 

Zwei Dinge sind bei diesem Buch garantiert: Es darf in jedem Kapitel munter gerätselt werden und es wird nie bierernst.

Hauptfigur und Ich-Erzähler ist Marcus Corvinus, ein junger römischer Adeliger. Er ist Alkoholiker, keiner Orgie und keinem leichten Mädchen (oder wie er sie nennt: hohlköpfige Gespielinnen) abgeneigt. Doch als er von einer hübschen Frau beauftragt wird, Ovids Asche aus dem Exil nach Rom zu bringen, packt den Faulpelz der Ehrgeiz: Obwohl schnell klar wird, dass er wegen den Nachforschungen seines Lebens nicht mehr sicher ist, bohrt er immer weiter. Meistens existieren mehrere Spuren und Verdächtige zugleich. Es ist eines von den Büchern, bei denen auch ein zweites Lesen interessant ist, weil sich mit der Lösung im Hinterkopf eine andere Sicht auf die Entwicklungen ergibt.

Marcus Corvinus schafft es, einen Zusammenhang zwischen der Verbannung Ovids und der Varus-Schlacht herzustellen. Unter dem Gesichtspunkt der historischen Wahrheit ist die Verschwörung, die Corvinus nach und nach aufdeckt, vollkommen unrealistisch. Trotzdem erzählt der Autor die Verschwörung im Roman in sich schlüssig und glaubhaft - eine durchaus bemerkenswerte Leistung.

Corvinus' Nachforschungen bilden die Haupthandlung des Romans, jedoch wird nebenher auch die Liebesgeschichte zwischen Marcus und seiner Auftraggeberin Perilla erzählt.

Weiterhin werden in der ersten Hälfte des Buches Briefe des Varus eingeflochten, die dieser an sich selbst schreibt, selbst als der Angriff des Arminius bereits absehbar ist. Der echte Varus hatte in dieser Situation wohl andere Dinge zu tun...
Die Zeitschiene ist bei diesen Briefen schief: Der Roman spielt in der Regierungszeit des Tiberius im Jahr 19 n. Chr., die Briefe wurden im Jahr 9 n. Chr. geschrieben, dem Jahr der Varus-Schlacht. Wer sich mit der römischen Geschichte auskennt, kommt von selbst drauf, wer nicht, ist anfangs evtl. etwas verwirrt.

Beim Stil fallen die bildhaften Vergleiche auf, die der Autor massenhaft einsetzt, Beispiele: Hätten wir das Entsetzen in Amphoren abgefüllt und dem Feind einflößen können, hätten wir Britannien binnen eines Monats dem Imperium einverleibt. - Ich betrat das Atrium, als wäre es das Amphitheater, in dem eine Meute hungriger Löwen auf mich wartete. - So nervenaufreibend wie der Posten des Krallenpflegers von Kleopatras Leoparden. - Es sind mehr Menschen unterwegs, als Flöhe die Matratze einer viertklassigen Hure bevölkern.
So geht das in einem fort, meistens witzig, manchmal fand ich es etwas zu viel des Guten, z. B. wenn er immer noch Witze reißt, obwohl er gerade von einer Bande Halsabschneidern umringt ist.

Ein Pluspunkt des Romans: Der Alltag im Alten Rom wird lebendig, bildhaft und schonungslos geschildert (nicht so steril wie z. B. in "Ich, Claudius, Kaiser und Gott"). Straßenmusiker, Abwässer, Hundekadaver - alles ist dabei.

Fazit: Ein Buch mit hohem Rätselraten- und Spaßfaktor, so ganz mitgerissen hat es mich allerdings nicht, es ist in großen Teilen "nur" ein Krimi und kein Roman. Unter historischen Gesichtspunkten ist es höchst fragwürdig, dass es die Verschwörung, die Corvinus aufdeckt, tatsächlich gegeben hat. Doch der Leser, der nur gute Unterhaltung sucht, wird sich daran nicht stören.

Ein Klick auf die Bilder führt zu den Wiki-Artikeln der historischen Figuren im Roman "Ovids Schatten".

 

Porträt der Livia Drusilla (58 v. Chr. - 29 n. Chr.)

Livia Drusilla

 

Porträt des Tiberius Iulius Caesar Augustus (42 v. Chr. - 37 n. Chr.)

Tiberius Iulius Caesar Augustus

 

Außerdem noch:

Wiki-Artikel zu Publius Quinctilius Varus

Von diesem Mann habe ich kein Porträt gefunden. Logisch: Er war bei römischen Bildhauern und ihren Auftraggebern aus naheliegenden Gründen nicht beliebt.

     
  Zurück zu Historische Romane.