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„Die Säulen der Erde“ reißt den Leser vom ersten Satz an mit. Der erste Satz lautet: „Die kleinen Jungen waren die ersten, die zum Richtplatz kamen.“ – Daran schließt sich ein grausiger Prolog an, der so viele Fragen aufwirft, dass man einfach weiterlesen muss, um die Antworten zu erfahren. Auf den folgenden Seiten wird man jedoch enttäuscht: Es sind ein paar Jahre vergangen und von der Hinrichtung im Prolog ist keine Rede. Doch zum Glück ist auch die neue Handlung alles andere als langweilig: Sie handelt im Kern von der Entwicklung des fiktiven Ortes Kingsbridge, insbesondere seiner Kathedrale. Drumherum werden Liebesgeschichten und Intrigen gestrickt.
Ken Follett erzählt die Geschichte aus der Sicht von fünf Hauptpersonen, meistens wechselt die Erzählperspektive mit jedem Kapitel. Ich muss gestehen, dass mich die ständigen Perspektivwechsel am Anfang ein wenig genervt haben, weil ich unbedingt wissen wollte, wie es mit der Hauptperson aus dem letzten Kapitel weitergeht, aber schon nach den ersten Zeilen des neuen Kapitels interessierte ich mich wieder für die andere Hauptfigur. Außerdem verweben sich die Handlungen der Figuren mit der Zeit immer mehr miteinander.
Für Abwechslung ist also gesorgt, zumal diese fünf Hauptpersonen unterschiedlicher nicht sein könnten: Ein Mönch, eine Grafentochter, ein Ritter und zwei Steinmetze bzw. Baumeister. Auch die Charaktere dieser Personen sind grundverschieden. Besonders gut fand ich, dass das Geschehen auch aus den Augen des Bösewichts erzählt wird. So bleibt der Bösewicht keine oberflächliche Figur, die einfach von Natur aus böse ist, wie das in vielen anderen Romanen der Fall ist. Mit der Erzählperspektive des Bösewichts gelingt es Follett, die Gründe für seine späteren Taten klar werden zu lassen (Demütigungen, schwere Kindheit, Angst vor der Hölle, giftspritzende Mutter). Auch der Bösewicht ist somit ein vielschichtiger Charakter, seine verwerflichen Handlungen haben Ursachen, er ist nicht von Natur aus schlecht.
Die Handlung spielt im England des 12. Jahrhunderts, die große Politik bildet jedoch nur den Hintergrund und der Leser bekommt sie nur in groben Zügen mit, dies gilt vor allem für den Bürgerkrieg zwischen Stephan und Mathilde oder kurz: The Anarchy. Es gibt jedoch auch ein paar konkrete historische Ereignisse, die ihren Weg in dieses Buch gefunden haben: Das Sinken des Weißen Schiffes, die Schlacht von Lincoln, die Ermordung von Thomas Becket. Dennoch gilt: Wer meint, er kenne sich nach diesem Buch im England des 12. Jahrhunderts aus, liegt falsch, lediglich der Bau der Kathedrale wird auf ein paar Seiten eingehender erläutert. Ich sehe dies jedoch nicht als Negativpunkt an, schließlich soll ein Roman den Leser unterhalten und nicht unterrichten. Die Unterhaltung gelingt Ken Follett vorzüglich mit den Handlungen der fiktiven Personen. Nur die Liebesgeschichte zwischen zwei Hauptpersonen wurde mir gegen Ende etwas zu kitschig, aber mit dieser Meinung stehe ich wahrscheinlich alleine da.
Leider merkt man gegen Ende des Buches, dass Ken Follett stark kürzen musste: An die Stellen von Szenen treten Berichte, einige Figuren bleiben eindimensional, wichtige Informationen erfährt der Leser in einem Nebensatz. Der Abstand vom vorletzten zum letzten Teil beträgt ganze achtzehn Jahre. Allerdings rührt dieser große Zeitsprung auch daher, dass es den „Guten“ in dieser Zeit auch gut geht; diese Jahre ausführlich zu schildern, würde zu Langeweile führen, auf der anderen Seite hätte man sicher den ein oder anderen Konflikt noch einbauen können…
Diese kleinen Schwächen fallen jedoch gegenüber den Stärken kaum ins Gewicht. Ich will die Stärken noch einmal stichpunktartig aufzählen: |
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Das sinkende weiße Schiff

Stephan von Blois

Mathilde von England |
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viele Hauptpersonen, allesamt vielschichtige Charaktere (auch der Bösewicht!)
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unerreicht bildhafter Erzählstil: Eine Spezialität von Ken Follett ist es, dem Leser eiskalte Schauer über den Rücken zu jagen. Es fängt schon mit dem bereits oben zitieren ersten Satz an. Ein wenig später wird ein Neugeborenes im Wald ausgesetzt und der Vater denkt darüber nach, was wohl mit ihm geschieht: Eulen können ihm die Augen aushacken, er kann erkalten und sein junges Leben aushauchen, ein Fuchs könnte ihn wittern... *schauder*
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abwechslungsreiche Schauplätze: der Hauptort der Geschichte ist Kingsbridge, jedoch kommen die Hauptpersonen in viele andere Burgen und Städte, sogar bis nach Frankreich (u. a. Paris) und Spanien (u. a. Santiago de Compostella)
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Spannung: Follett lässt dem Leser keine Atempause: Immer stecken einige der Hauptfiguren in Schwierigkeiten und Konflikten, die den Leser ans Buch fesseln, weil er diese Konflikte gelöst sehen will. Über allem stehen die Fragen, die durch den Prolog aufgeworfen werden. Sie werden während der über 1100 Seiten Stück für Stück beantwortet, die völlige Auflösung findet jedoch erst im vorletzten Kapitel statt, also nach 1146 Seiten.
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Gut fand ich auch die differenzierte Darstellung der Kirche, vor allem im Unterschied zu vielen anderen Historienschinken, in denen die Kirche einseitig als ausbeuterisch und menschenverachtend dargestellt wird. In „Die Säulen der Erde“ werden auch die wertvollen Arbeiten der Mönche erwähnt und eine der Hauptfiguren ist ein sympathischer Mönch. Aber es gibt natürlich auch „böse“ Priester: Eiferer und Intriganten, die für ihr persönliches Machtstreben über Leichen gehen.
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Thomas Becket
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