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Das Perlenmedaillon - von Sabine Weigand |
"Das Perlenmedaillon" von Sabine Weigand ist ein top-recherchierter und gut erzählter historischer Roman, der im Nürnberg und Venedig des 15. /16. Jahrhunderts spielt. Ich habe in jeder Zeile gespürt, dass die Autorin vom Fach ist, das unterscheidet sie von vielen anderen Autoren historischer Romane, die zwar ausführlich für ihr Werk recherchierten, aber keine jahrelange Ausbildung in diesem Bereich genossen haben. Und so handelt dieser Roman nicht von edlen Rittern, tugendhaften Burgfräuleins und ähnlichem Kitsch, sondern er beschreibt den Alltag von Patrizierinnen, Handwerkern, Huren, Mönchen. Dazu gehören ihre Liebschaften, Sorgen, Nöte und Glaubensvorstellungen ebenso wie viele Schattenseiten dieser Epoche: Dreck, Krankheiten, Seuchen, die menschenverachtende Behandlung von Behinderten, Huren, Ehefrauen und die brutalen Strafen des "Rechtssystems". Bei den Seuchen drängt sich der Eindruck auf, dass die Autorin so viele wie möglich in diesem Buch unterbringen wollte, hier eine Auswahl: Pest, Lepra, Syphilis, Frieseln, Pocken.
Aber halt! Dieser Roman ist keine Horrorgeschichte, sondern in erster Linie die spannende Erzählung von insgesamt vier Hauptfiguren: Ein Mönch, eine Hure, eine Patrizierin und ein Goldschmied. Diese Hauptfiguren waren der Grund, warum ich dieses Buch nicht mehr aus der Hand gelegt habe. Jede Figur hat einen unverwechselbaren Charakter, mit jeder Figur fieberte ich mit. Auch mit Helena, auf die sich die Handlung am Ende zuspitzt. Sie wird gegen ihren Willen mit einem Patrizier verheiratet, die Ehe mit ihm wird nach und nach zur Hölle. Die spannende Frage während des Romans ist, ob sie wieder mit ihrer Jugendliebe Niklas zusammenkommt. Jedoch hat mich von allen Hauptfiguren ausgerechnet Helena am wenigsten in ihren Bann gezogen. Vielleicht lag es an ihrer Passivität, mit der sie am Anfang alles mit sich machen lässt, vielleicht aber auch an einigen dämlichen Aktionen. So kauft sie z. B. einen Besitz, den ihr Ehemann verspielt hat, mit ihrer Mitgift wieder auf. Damit hat sie ihre Mitgift vergeudet und ihr verschwenderischer Ehemann hat wieder Zugriff auf das Vermögen. Herausragend finde ich die altertümliche Sprache, die die Autorin in Dialogen und Briefen verwendet, die Handlung erscheint damit sehr authentisch. So fallen z. B. Begriffe wie Schelln, Bratwurstweck, Göschlein. Die Anrede in einem Brief geht so: Libster Vater, lib Swesterlein und gute Stief mutter, wollet nicht altzu betrübt sein wenn ir diß leset. Dies ist nicht das einzige Stilmittel, durch das der Leser in das Mittelalter zurückversetzt wird, es sind auch die Gedanken, die sich die Menschen der damaligen Zeit machen, z. B.: Wie sehen Engel aus? Oder auch ihr Glaube, z. B. an die Heilkräfte von Reliquien. Oder durch die Gliederung der Gesellschaft, insbesondere der Stadt Nürnberg, deren Gesellschaft in ihrer ganzen Breite dargestellt wird: Patrizier, reiche Geschäftsleute, Hurenhaus. Es sind also nicht nur ein paar Details, die den Leser in das Mittelalter zurückversetzen, es ist der gesamte Hintergrund. Jeder Platz, jede Straße, jedes Haus wirkt authentisch. Den Erzählstil fand ich ebenso abwechslungsreich wie die Handlung: Einmal ist alles süß und putzig, z. B. wenn sich Helena um ihre Kinder kümmert, dann wieder kommt es zu brutalen Szenen, z. B. Hinrichtungen und Folterungen (Augen ausstechen, vierteilen, lebendig begraben), Verstümmelung und Mord (der Schädel wird mit der Axt zerteilt). Für weitere Abwechslung sorgen die Briefe, die zwischen die normalen Szenen eingefügt werden, ebenso wie z. B. Protokolle von Zeugenbefragungen. In weiten Teilen des Romans springt die Handlung zwischen Nürnberg und Venedig hin und her. Aber nicht nur die Städte wechseln, auch die Schauplätze in den Städten selbst, so wird der Leser in ein Nürnberger Bürgerhaus ebenso entführt wie in ein Hurenhaus, die Sebalduskirche und den Rathaussaal. Ein paar kleine Kritikpunkte habe ich noch: Nach zweihundert Seiten baut die Spannung für kurze Zeit ab. Keine der Hauptfiguren befindet sich in Gefahr, es gibt nichts zu zittern und zu bangen. Helena und Niklas schicken Briefe hin und her, aber sie schildern alltägliches und plaudern nur. Aber keine Angst: Dieser Zustand hält nicht lange an. Bald wird die Ehe für Helena immer unerträglicher und Niklas gerät in die Fänge der venezianischen Mafia... Auf eine Übertreibung (um nicht zu sagen eine Lüge) muss ich noch aufmerksam machen. Auf dem Umschlag steht, dass es sich um "Die wahre Geschichte der Helena Heller" handelt. Die Autorin hat jedoch nur einige Motive aus dem Leben einer Nürnberger Patrizierin mit Namen Dorothea Landauer übernommen, Helena Heller gab es nicht. Was wieder einmal beweist: Auf Buchcovern wird mehr gelogen als auf Wahlkampfveranstaltungen. So etwas wie die Inspiration für diesen Roman war wohl das Wasserschloss in Wolkersdorf. Hierhin floh Dorothea Landauer vor ihrem Gatten und hier hat die Romanfigur Helena als kleines Mädchen jeden Sommer verbracht. Natürlich kehrt sie im Roman auch als Erwachsene wieder an diesen Ort zurück... Hier zwei Bilder, zunächst die Vorderansicht des Schlosses, wie von Sabine Weigand im Vorwort beschrieben: Ein kleines burgähnliches Gebäude mit Satteldach, fränkisch rot-weiß gestrichenen Fensterläden und drei niedrigen Türmen an der Seite.
Hier die Seitenansicht, davor ein kleiner Weiher:
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Albrecht Dürer (ein Klick auf das Bild führt zum Wiki-Artikel) |
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